Full text: Evangelisches Schulblatt - 51.1907 (51)

Zur Reform des Katechismusunterrichts. 
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daß sie sich von jenen natürlichen Lebenserfahrungen nur wenig unterscheidet: 
das Kind soll die biblische Geschichte an sich erleben. Wir finden uns bei 
diesem letzten Hauptpunkt in der erfreulichen Übereinstimmung mit der herrschen 
den Theorie, wonach die biblische Geschichte die Grundlage des Katechismus 
unterrichts sein soll." Man kann auch (theoretisch) die Heilsgeschichte als den 
einzigen Lehrstoff des Religionsunterrichts der Volksschule ansehen und den Kate 
chismus als Unterrichtsziel derselben, wie man umgekehrt sagen kann, wir 
treiben in der Volksschule nur Katechismus, d. h. wir vereinigen beide Unterrichts 
zweige zu einem organischen Ganzen, in welchem die biblische Geschichte die An 
schauungsgrundlage des Katechismus bildet und dieser als begrifflicher Gewinn 
hervorgeht. Es schwebt dann bei der Behandlung der Geschichte die lebensvolle 
Aneignung des Katechismusgehaltes als letztes Ziel vor Augen. — Wird der 
Katechismus so an die biblische Geschichte angeschloffen, so sind beide eng mit 
einander verwachsen; bei einer Wiederholung der Geschichte tritt auch die daraus 
gewonnene Glaubenslehre ins Bewußtsein. Wird der Katechismus aber isoliert be 
handelt, so bleibt er für das Kind ein fremder Körper und ist zum Siechtum verurteilt. 
Wie der Katechismus als eine Sammlung von Glaubensvorschriften und 
als Bekenntnisschrift gelehrt werden muß, soll an Beispielen gezeigt werden. In 
den Geschichten: Davids Fall und Buße, Vom verlorenen Sohn, Vom Pharisäer 
und Zöllner, Von der großen Sünderin, Von der Verleugnung Petri, lernen 
die Kinder Personen kennen, die wider Gottes Gebote schwerlich gesündigt haben, 
die aber ihre Sünden einsahen, letzteres zuweilen erst nach der Erzählung eines 
Gleichniffes (David), oder durch große Not (der verlorene Sohn) oder einen 
Blick, eine Anregung des Herrn dazu veranlaßt (Petrus). Es folgt dann bei 
allen das Bekenntnis: „Ich habe gesündigt," und hierauf das Bereuen der 
Sünde, d. h. es tut diesen Personen leid, die böse Tat vollbracht zu haben, 
und sie nehmen sich vor, sie nicht wieder zu begehen. Von solchen Leuten sagt 
man, sie wollen sich beffern, bekehren, sie tun Buße. Judas bereute auch seine 
böse Tat („ich habe übel getan, daß ich unschuldig Blut verraten habe"), aber 
doch erhängte er sich; es fehlte ihm der Glaube oder das Vertrauen, daß Jesus 
ihn wegen seiner großen Sünde wieder annehmen, ihm die schwere Schuld ver 
geben werde; darum bemächtigte sich seiner die Verzweiflung. Dieser Glaube 
fehlte nicht bei den übrigen, bei Petrus, dem verlorenen Sohn (er wäre sonst 
nicht zu seinem Vater zurückgekehrt), der großen Sünderin. Zu solchen Personen, 
die ihre Sünden bereuen, und die das feste Vertrauen haben, daß sie wieder 
angenommen, daß ihnen die Sünde vergeben wird, spricht Jesus: „Dein Glaube 
ist groß, deine Sünden sind dir vergeben, gehe hin in Frieden." — Verdient 
haben sie die Sündenvergebung, die Gerechtigkeit vor Gott nicht, sondern sie 
wird ihnen, weil sie reumütig zu ihm kommen, geschenkt, aus Gnaden also er 
langen sie dieselbe.
	        
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